[Petr Necas] Wasserhaushalt bei Chamäleons

Furcifer lateralis
Furcifer lateralis

Der öffentlich geteilte Originalpost „Water management in chameleons – what is the edge of nature and captivity?“ stammt aus einer englischsprachigen Facebook Gruppe. Übersetzt ist nach bestem Wissen und Gewissen.

„Wasserhaushalt bei Chamäleons“
In der Natur wird der Wasserhaushalt von Chamäleons durch zwei Mechanismen geregelt:

  • Wasseraufnahme
  • Wasserverlust

Wasseraufnahme geschieht durch zwei Mechanismen:

  • Trinken (Wasseraufnahme nur im Verdauungstrakt, bei „erzwungenem Trinken“ sind Atemwegserkrankungen möglich)
  • Resorption (hier sind die Atemwege, Lungen und in geringem Maße die Schleimhaut der Nasen- und Mundhöhle beteiligt. Im Gegensatz zu vielen anderen Wirbeltieren spielt die Haut eine geringe bis keine Rolle in diesem Prozess, da sie nicht wasserdurchlässig ist).

Es gibt drei Möglichkeiten, wie Wasser in der Natur zur Verfügung stehen kann

  1. Flüssiges Wasser
  2. Nebel
  3. Tau

Zu 1. flüssiges Wasser wird aufgenommen durch

  • Tau (kondensierte Wasser Tröpfchen, die sich auf Blättern sammeln und am frühen Morgen aktiv durch ablecken der Blätter aufgenommen werden)
  • Regen

kontinuierlich (innerhalb der normalen Regenzeit schützen sich Chamäleons vor starkem Regen. Wenn dieser sehr intensiv und gepaart mit Dunkelheit ist oder der Kontakt mit dem Regen unausweichlich ist, schlafen sie sogar ein, um ihre Augen vor den hypotonischen Wassertropfen zu schützen, die in die Augen gelangen können. Sie trinken dann, sobald der Regen vorbei ist.

gelegentlich (nach langer Trockenzeit oder längerer Zeit ohne Regen). Hier jagen sie nach jedem Wassertropfen und setzen sich sogar dem Regen aus. Im Zustand der akuten Dehydration können sie sich sehr schnell hydratisieren, indem einen Mechanismus namens „Stealth-Trinken“ praktizieren – ihr Hyoid-Apparat erzeugt einen Unterdruck in ihren Kehlen, so dass eine Wasseraufnahme sowohl durch den Mund als auch die Nasenlöcher geschieht stattfindet.

Die Wasseraufnahme durch Regen findet nur tagsüber aktiv statt. In der Nacht trinken Chamäleons nicht, mit Ausnahme von Situationen, wo sie nicht in der Deckung von Blättern schlafen oder plötzlich Regen kommt und die Nasenlöcher durch Regenwasser abgedeckt werden. Dadurch wird reflexartig der Mechanismus des „Stealth Trinkens“ ausgelöst.

Zu 2. Nebel: Dieser besteht aus mikroskopisch kleinen Wassertröpfchen, die in dem speziellen physikalischen Zustand der Kombination von Wasserdampfgehalt in der Luft und speziellen Druck- und Temperaturraten, die als „Taupunkt“ bezeichnet werden, noch in der Luft „gelöst“ sind. Diese Wassertröpfchen werden durch die Lungen inhaliert und resorbiert. Dies geschieht täglich sogar in Wüstenumgebungen, wo lange Monate oder sogar Jahre KEIN Regen fällt. Dieser Mechanismus ist für Wüsten- oder Savannenarten (C. namaquensis, C. gracilis) oder für Arten aus Gebieten mit mehrmonatigen Trockenperioden (C. calyptratus) so wichtig und dominant, dass er tatsächlich ihr Überleben sichert .

Zu 3. Tau: Spielt eine vergleichbare Rolle wie Nebel, ist jedoch wichtiger beim Wasserverlustmanagement. Hohe Luftfeuchtigkeit hydratisiert jedoch auch.

Wasserverlust geschieht im Wesentlichen durch drei Mechanismen:

Kot und Urin
Wasserverlust durch Kot ist beträchtlich, da jeder Kot notwendigerweise Wasser enthält. Vor allem bei Arten aus trockenen Habitaten wird so viel Wasser wie möglich durch die Darmwand zurück ins Blut resorbiert. Der Kot wird dadurch so trocken, dass er fast in Stücke zerfällt (träger, wässriger, schleimiger Kot, wie wir ihn in der Terrarien Haltung oft sehen, ist ein Zeichen von „Überwässerung“). Gleiches gilt für den Urin – der flüssige Primärurin wird resorbiert und es bilden sich weiße, Zahnpasta artige Urate, manchmal mit kristallinen orangenen Partikeln, die in der freien Wildbahn bis zu 25% der Menge ausmachen. Besorgnis über orangene Urate im Urin bei Chamäleons in Terrarien Haltung ist unnötig, da orangene kristalline Urate in der oben angegebenen Menge normal und natürlich sind. Komplett weiße Urate über längere Zeit sind eher ein klarer Hinweis auf Überwässerung.

Atmung
Über die Atmung wird Wasserdampf an die Luft abgegeben. Je trockener die Luft ist (je niedriger die Luftfeuchtigkeit, desto weniger Wasserdampf löst sich in der Luft) und je höher die Temperatur und je niedriger der Luftdruck, desto mehr Wasser wird über die Atmung abgegeben. Dies ist auch der Grund, weshalb uns erwachsene Jemenchamäleons mit ihrem hohen Bedürfnis der Wasseraufnahme täuschen. Für ihr Habitat gelten alle vorgenannten Umweltbedingungen: es ist tagsüber warm, extrem trocken und sie leben in Höhen bis weit über 1000 Meter. Tatsächlich benötigen die Tiere nicht so viel Wasser, wie wir ihnen in Terrarien Haltung oft anbieten. So viel zu trinken, wie sie wollen ist nicht gut für sie, genauso wie ihnen so viel Futter anzubieten, wie sie fressen (dies jedoch aus einem anderen Grund). Bei Arten aus feuchten Gebieten mit hoher Luftfeuchtigkeit sind die Verluste über die Atmung selbstverständlich geringer.

Verdunstung über Schleimhäute
Verdunstung über die Schleimhäute ist für Chamäleons von untergeordneter Bedeutung und ist begrenzt auf das Maul (außer bei der oben erwähnten Atmung, wo alle Schleimhaut des gesamten Atmungstaktes von der Nasenhöhle bis zu den Luftsäcken hinter den Lungen beteiligt sind). Das Maul wird normalerweise geschlossen gehalten, bis auf Situationen, in denen Wasserverlust während Überhitzung den Körper dank der Expansionswirkung des verdunsteten Wassers abkühlt und abgesehen von pathologischen Situationen wie Infektionen der Atemwege, wo das Öffnen des Mauls durch die Notwendigkeit der Hyperventilation ausgelöst wird. Wasserverlust ist dadurch unvermeidbar – deshalb neigen diese Tiere auch dazu, viel mehr als normal zu trinken.

Was folgt daraus für die Terrarien Haltung?

Einfache und technisch überall verfügbare Lösungen können dabei unterstützen, dass die Chamäleons ihren Wasserhaushalt auf natürlichem Wege regulieren können.

Die folgenden Elemente müssen dabei für jede Art speziell angepasst werden.

  • Nebel in der Nacht
  • Tau am Morgen
  • Wasser in flüssiger Form während des Tages

Wie bewerkstelligt man dies?

  • Nachts sollte/kann ein „Fogger/Nebler“ genutzt werden in Verbindung mit einer signifikanten Nachtabsenkung der Temperaturen. Nebel während des Tages ist hingegen gefährlich, sogar tödlich, da sich bei hohen Temperaturen Bakterien und Pilze schnell vermehren und zu Erkrankungen der Atemwege führen, die kaum in den Griff zu bekommen sind.
  • Am frühen Morgen sollte das Terrarium übersprüht werden/ Regenanlagen [Anmerkung: im Original hieß es „Mister“ – dies wäre ebenfalls Nebel, jedoch eventuell stärker, entsprechend z.B. einer „Sprühregendüse“ – im Zweifel bitte selbst recherchieren] genutzt werden, so dass die Tiere Tropfen von den Blättern lecken können. Echte Pflanzen sind hierbei wichtig, da künstliche Pflanzen Chemikalien abgeben können oder sich auf ihren Bakterien und Pilze ansiedeln.
  • Bereitstellung von frischem Wasser, am besten durch Dripper oder von Hand über Pipette o.ä. (Brunnen und Schalen sind riskant und erfüllen den gewünschten Zweck nicht)
    Dabei gilt immer, sich an den natürlichen Bedürfnissen des Tieres zu orientieren und den individuellen Gesundheitszustand, Alter und Präferenzen des einzelnen Tieres einzubeziehen.

Hohe Luftfeuchtigkeit ist passend für Spezies, die in der Natur mit hoher Luftfeuchtigkeit leben. Doch Vorsicht ist dabei geboten: in der Natur ist hohe Luftfeuchtigkeit mit niedrigen Temperaturen verknüpft (entweder für alle Arten in der Nacht oder tagsüber für Arten die sich am Boden des Regenwaldes bewegen. Sogar Arten aus Nebelwäldern, wie Trioceros quadricornis suchen tagsüber der Sonne ausgesetzte Äste auf und reduzieren so die sie umgebende Luftfeuchtigkeit durch den Trockeneffekt der Sonnenstrahlen und des Windes auf überraschend niedrige Werte (50% und weniger).

Die Simulation von Regen ist in Ordnung für Arten, die aus Gegenden mit starken Regenfällen stammen, aber wenn die oben genannten Elemente gegeben sind, ist dies ausreichend, es besteht keine Notwendigkeit, Regenfälle zu simulieren – dahinter steht folgender Gedankengang:

Regen ist nichts, dem das Chamäleon normalerweise ausgesetzt ist, also ist es nicht klug, Regen zu simulieren.
Wir sollten dazu versuchen zu verstehen, was Regen für Chamäleons bedeutet:
Es kommt also Regen… wir nehmen an, dass es normaler Regen ist, der länger als zehn Minuten andauert, kein tropischer Sturm und kein leichter Schauer oder Nebel. Regen besteht aus Tropfen, die groß genug sind, um durch die Erdanziehung aus hohen Wolken zur Erde zu fallen. Die Temperatur des Regens reicht von 0 bis 27°C, der Durchmesser eines Regentropfens ist ungefähr 5mm und er fällt mir einer Geschwindigkeit von 30km/h.

Warum mögen Chamäleons es nicht, wenn sie von Wassertropfen berührt werden?

Es ist ganz einfach, sie mögen es gar überhaupt nicht, wenn ihr Körper berührt wird. Und es erscheint so, als würden Wassertropfen sie nur leicht berühren, doch eine Oberfläche, die vom Aufprall eines Regentropfens getroffen wird, ist in etwa einen Quadratzentimeter groß. Wenn wir die durchschnittliche Größe des Chamäleon Körpers mit 15x5cm (eine Seite) annehmen, so wäre die gesamte Körperfläche, die dem Regen ausgesetzt ist, schätzungsweise 80 Quadratzentimeter groß. Also wären von einem Regentropfen etwa 1,25% der Körperfläche betroffen. Das wäre vergleichbar zu einer Fläche von 5x5cm beim Menschen. Und dies passiert auf etwa 10% der Körperoberfläche zugleich, da nicht nur ein Tropfen auftrifft, sondern mehrere zur gleichen Zeit, und dies passiert mehrmals jede halbe Sekunde oder öfter. Die „Einschlagwirkung“ von Regen ist bei kleineren Tieren wie Chamäleons also viel intensiver als sie uns Menschen erscheint.

Also ziehen sich die Chamäleons ins Gebüsch zurück und verstecken sich, um dem Einschlag der Regentropfen zu entgehen. Unter idealen Bedingungen sind sie so den Regentropfen direkt gar nicht ausgesetzt oder diese werden durch Blätter abgebremst und treffen den Körper mit wesentlich weniger Kraft. Eine Ausnahme gibt es von dieser Regel, selten kann man ein Chamäleon im Regen sitzen sehen – nämlich dann, wenn starker Regen es an einem Platz überrascht, an dem es nicht möglich ist, sich zu verstecken. Der Einschlag von Regentropfen führt zu reflexartigem
„Einfrieren“, genauer Akinese und es fällt in eine spezifische Art von Starre, die Muskeln verkrampfen tetanisch, der Körper atmet ein oder aus, die Augen werden geschlossen und in die Augenhöhlen gezogen und das Tier sitzt bewegungslos…bis der Regen vorüber ist.

Die Umgebungstemperatur fällt während des Regens. Die Annahme, dass tropische Regenfälle warm sind, ist falsch. Sie haben eine maximale Temperatur von 27 Grad Celsius, sind meistens aber viel kälter. Die Regentropfen durchnässen die Umgebung mit Wasser und verdunsten, dadurch steigt die Luftfeuchtigkeit auf bis zu 100%. Diese Situation ist also ähnlich oder vergleichbar mit den Bedingungen in der Nacht. Dies nehmen die Chamäleons ebenfalls so war und verhalten sich entsprechend. Sie Rollen sich zusammen und schließen die Augen und schlafen, während sie die kalte, feuchte Luft einatmen.

Wenn der Regen vorbei ist, klettern sie heraus und wenn sie durstig sind, trinken sie die Tropfen von den Pflanzen. Und sie werden sich sofort sonnen, wenn diese verfügbar ist: um ihren Körper zu trocknen und die Temperatur anzupassen, da sie durch den Regen ausgekühlt sind.

Dies ist also Regen aus der Sicht eines Chamäleons. Ist es daher sinnvoll, Regen in der Terrarien Haltung zu simulieren?

Kaum. Es ist eine Phase der Inaktivität vergleichbar zu einer Situation, die wir sowieso in vielen Stunden während der Nacht simulieren (wenn wir es richtig machen). Der Regen ist vergleichbar mit den Bedingungen in der Nacht und die Möglichkeit zur Wasseraufnahme lässt sich leicht bewerkstelligen, indem man den Tieren andere Möglichkeiten (Dripper/ Pipette) anbietet.

Daher ist es z.B. wenig sinnvoll auch zur Rehydration im Notfall, die Tiere zu „duschen“ [im Original “showering”] oder vergleichbar starkem Regen auszusetzen. Es gibt keinen Nutzen für das Tier, es bedeutet nur Stress für das Tier, wenn es von Wasser durchnässt ist – über die Haut findet sowieso keine Wasseraufnahme statt. Mehr noch, wenn wir durch erzwungene Wasseraufnahme unsere Unfähigkeit kompensieren, auf natürlichem Wege Wasser bereitzustellen, ist dies nicht akzeptabel. Wir müssen versuchen, die natürlichen Gegebenheiten zu simulieren und nicht, unangemessene, Stress verursachende Ersatzpraktiken anzuwenden. Sowohl Regenwasser als auch Frischwasser sind stark hypotonisch für Haut Flüssigkeiten, man sollte sich im klaren sein, dass die Aufnahme von großen Mengen reinen Wassers starke Schäden durch Osmose am Gewebe (in den Organen sowie der Nasenhöhle und den Augen) anrichtet und daher eine Rehydration mit großen Mengen Flüssigkeit nur mit isotonischen Kochsalzlösungen stattfinden sollte.

Das Trinken von großen Mengen reinen oder destillierten Wassers ist tödlich und wurde mehrere Male beobachtet. Wasser sollte immer über natürliche Wege aufgenommen werden:
– Flüssiges Wasser, über Maul und Verdauungstrakt
– Nebel, über Nasenlöcher und Atemwege

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